Alles entscheidend: Kükenschutz
Eine junge Uferschnepfe (Limosa limosa) im hohen Gras.
(Arno Schoppenhorst
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Ökologis)
Mit dem Schlüpfen der Küken beginnt Ende April beziehungsweise Anfang Mai der komplizierte Teil des Wiesenvogelschutzes, denn die kleinen Vögel sind Nestflüchter. Das heißt sie verlassen ihr Nest, kaum, dass sie aus den Eiern gepellt sind. Die Familien suchen im Grünland nach Nahrung, die sie zum Beispiel an nassen Blänken, also kleinen Tümpeln, schlammigen Grabenufern oder in der blütenreichen Wiesenvegetation finden. Hier ist Mobilität gefragt, denn die guten Nahrungsplätze müssen nicht nur gefunden, sondern auch möglichst schnell erreicht werden. Für die Küken ist das ein enormer Kraftakt. Gleichzeitig lauern überall Gefahren: Die Landwirte und Landwirtinnen beginnen mit dem Mähen der Wiesen. Überall rollen die Mähwerke an, was wiederum viele Greifvögel, Reiher, Störche und Krähen ins Grünland zieht, denn dort ist jetzt Beute zu machen.
Wie lassen sich in diesem heillosen Durcheinander nun die Küken retten? Auch hier haben wir gut funktionierende Strategien ausgeklügelt.
- Immer die Aufenthaltsorte der Familien im Blick haben und mit den Landwirten und Landwirtinnen abklären, wann und wo gemäht wird.
- Ungemähte und Deckung bietende Fluchtstreifen auf den Wiesen stehen lassen.
- Beim Mähen mit auf dem Traktor sitzen und aufpassen, dass keine Küken getötet werden.
- Bewässern von Flutmulden auf Flächen, die zunächst nicht gemäht werden. Hierdurch können Vögel in gesicherte Bereiche gelockt werden.
Klar, dass dies einen intensiven Austausch mit den Landwirten und eine gute Koordination im Team erfordert. Nur wenn ausreichend viele Jungvögel den Mai unbeschadet überleben, hat sich letztlich auch die mühsame Gelegeschutzarbeit im April gelohnt.
Fluchtstreifen einrichten
(Arno Schoppenhorst
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Ökologis)
Auf Wiesen mit günstigem Nahrungsangebot finden sich häufig mehrere Paare mit Küken, nicht selten sogar regelrechte Familienverbände, ein. Falls hier gemäht wird, ist nicht nur höchste Vorsicht geboten, sondern auch der sogenannte Fluchtstreifen eine geeignete Schutzmethode.
Fluchtstreifen sind mindestens 5 Meter breite Wiesenstücke, die nicht gemäht werden und den Küken Deckung vor Bussarden, Rohrweihen, Krähen und anderen Fressfeinden bieten, wenn in der Umgebung alles abgeerntet und kahl ist. Dies erfordert allerdings eine hohe Kompromissbereitschaft der Landwirt*innen. Schließlich müssen sie auf einen Teil der Grasernte verzichten und die stehen gebliebenen Streifen später, wenn die Jungvögel erwachsen geworden sind, in einem separaten Arbeitsgang nachmähen.
Für derartige, vor Ort auszuhandelnden Schutzmaßnahmen kann der BUND dem Landwirt eine flächengenaue Prämie auszahlen. Für die meisten Bauern steht hierbei aber nicht das Geld, als vielmehr das Überleben "ihrer" Küken im Vordergrund.
Nasszellen ("Wetspots") einrichten und Kükenlenkung
Gezielte Bewässerung einzelner Wiesenstücke oder ausgetrockneter Blänken zur Schaffung attraktiver Nahrungshabitate für die Watvogelfamilien
(Arno Schoppenhorst
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Ökologis)
Für die Wiesenvögel, insbesondere für Paare mit Jungvögeln, werden im Vorfeld der Wiesenmahd hochattraktive Habitate dort entwickelt, wo bis mindestens Mitte Juni keine landwirtschaftlichen Arbeiten stattfinden. Vorzugsweise also auf Vertragsnaturschutzflächen. Seit 2012 wird dies zum Beispiel im Blockland in den dicht besiedelten Brutgebieten praktiziert. So konnten an bisher 7 Standorten kilometerlange, jeweils vier bis sechs Meter breite, flache Mulden mit dem Bagger oder mit der Fräse angelegt werden, in denen sich dann das Wasser sammelt. Bei Trockenheit in der Brutzeit und insbesondere in der Kükenphase wird dort gezielt mit Wasser nachgepumpt. Die so eingerichteten Flutmulden üben eine magische Anziehungskraft auf nahrungssuchende Watvogelfamilien aus, das heißt, die Tiere werden auf diese Weise massenhaft in gesicherte Bereiche gelockt.
Diese Methode trägt maßgeblich zum Aufzuchterfolg der Wiesenvögel bei und reduziert gleichzeitig das Risiko der Küken, auf den Mähwiesen in die Mähwerke zu geraten.
Kükenfreundliches Mähen
Auf Wiesen, in denen sich Watvögel mit Küken aufhalten, wird mit der*m Landwirt*in der bevorstehende Mähvorgang eingehend besprochen. Für das Überleben der noch wenig mobilen Jungvögel ist es enorm wichtig, den Wiesenschnitt mit stark reduzierter Geschwindigkeit vorzunehmen und das Mähen vom Inneren einer Wiese nach außen (und im Einzelfall auch in eine bestimmte Richtung) auszuführen. Im Regelfall wird dieser Arbeitsgang von uns intensiv begleitet. So können vom Traktor aus die langsam flüchtenden Vögel in der Regel gut beobachtet und das Mähen so gesteuert werden, dass die Küken den Wechsel auf die rettende Nachbarwiese schaffen. Oft müssen hierbei Pausen eingelegt, Richtungswechsel vorgenommen oder die Küken manchmal auch per Hand auf die andere Grabenseite gesetzt werden.
Dieses Verfahren wurde in den vergangenen Jahren mit vielen Bäuerinnen und Bauern regelrecht „trainiert“, verlangt von diesen viel Geduld und Engagement, ist aber vor allem bei Uferschnepfen, Brachvögeln und Rotschenkeln sehr erfolgreich anzuwenden. Entscheidend für das Mitwirken der Bauern ist in all den Jahren der sichtbare Überlebenserfolg der Küken. Von uns, die in der heißen Phase tagelang auf Traktoren mitfahren, erfordert es eine hohe Konzentration auf das, was vor dem Mähwerk stattfindet.